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Wer hat das Motorrad erfunden? Daimler & Reitwagen 1885

Das Motorrad wurde 1885 von Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach erfunden: Ihr „Reitwagen“ war das erste Fahrzeug mit einem schnelllaufenden Benzin-Verbrennungsmotor auf zwei Rädern – und gilt damit als Urahn aller heutigen Motorräder. Ganz eindeutig ist die Frage aber nur, wenn man dazusagt, welche Art Motorrad gemeint ist: Dampfbetriebene Zweiräder gab es schon rund 15 Jahre früher, das erste in Serie gebaute Motorrad kam erst neun Jahre später. Wer wirklich verstehen will, wer das Motorrad erfunden hat, muss diese drei Meilensteine auseinanderhalten – genau das machen wir hier.

Nachbau im Stil des Daimler Reitwagens von 1885 mit Holzrahmen, eisenbereiften Holzrädern und Einzylindermotor – das erste Motorrad mit Verbrennungsmotor

Wer hat das Motorrad erfunden? Die kurze Antwort

Als Erfinder des Motorrads gelten Gottlieb Daimler und sein Konstrukteur Wilhelm Maybach. Sie bauten 1885 in Cannstatt (heute ein Stadtteil von Stuttgart) den sogenannten Reitwagen und meldeten ihn am 29. August 1885 zum Patent an. Es war das erste zweirädrige Fahrzeug, das von einem schnelllaufenden Benzinmotor angetrieben wurde.

Die Antwort hängt allerdings davon ab, was man unter „Motorrad“ versteht. Drei Antworten sind je nach Blickwinkel richtig:

Frage Antwort Jahr
Erstes motorisiertes Zweirad überhaupt (Dampf) Michaux-Perreaux / Roper ca. 1867–1869
Erstes Motorrad mit Verbrennungsmotor Daimler Reitwagen 1885
Erstes in Serie gebautes Motorrad Hildebrand & Wolfmüller 1894

Wenn heute jemand fragt „Wer hat das Motorrad erfunden?“, ist praktisch immer der Verbrennungsmotor-Meilenstein gemeint – und damit Daimler und Maybach. Die Dampf-Vorläufer und das erste Serienmotorrad gehören aber zur vollständigen Geschichte dazu, weil sie erklären, warum die Zahlen in verschiedenen Quellen so unterschiedlich ausfallen.

Der Daimler Reitwagen von 1885 – das erste Motorrad mit Verbrennungsmotor

Der Reitwagen war ein hölzernes Zweirad mit einem kleinen Einzylinder-Viertaktmotor und rund einer halben PS Leistung. Daimler und Maybach ging es dabei gar nicht in erster Linie um ein Motorrad – der Reitwagen war vor allem ein fahrbarer Versuchsträger für ihren neu entwickelten schnelllaufenden Benzinmotor, die legendäre „Standuhr“ (englisch Grandfather Clock, benannt nach ihrer Form).

Die wichtigsten technischen Daten im Überblick:

Merkmal Wert
Motor Einzylinder-Viertakt-Ottomotor („Standuhr“)
Hubraum 264 cm³
Leistung ca. 0,5 PS bei 600 U/min
Zündung Glührohrzündung (heißes Platinröhrchen)
Rahmen Holz (Esche/Hickory), eisenverstärkt
Räder Holzräder mit Eisenreifen, zwei seitliche Stützräder
Höchstgeschwindigkeit ca. 11–12 km/h
Antrieb Riemen- und Zahnradantrieb

Der Motor war die eigentliche Revolution: Er lief mit rund 600 Umdrehungen pro Minute deutlich schneller als die damals üblichen stationären Gasmotoren und war klein und leicht genug, um ein Fahrzeug anzutreiben. Damit legten Daimler und Maybach die Grundlage nicht nur für das Motorrad, sondern für die gesamte spätere Kraftfahrzeugtechnik. Verglichen mit den 200 bis 300 Kilogramm, die ein heutiges Motorrad wiegt, war der Reitwagen mit rund 90 Kilogramm ein Leichtgewicht – bei allerdings winziger Leistung.

Wann wurde das Motorrad erfunden? Patent, erste Fahrt und Datum

Das Motorrad wurde 1885 erfunden: Die Patentanmeldung für den Reitwagen datiert auf den 29. August 1885, die erste Fahrt fand im November 1885 statt. Damit ist das Erfindungsjahr eindeutig – beim genauen Tag der ersten Fahrt gehen die Quellen leicht auseinander.

Das Fahrzeug bekam das deutsche Reichspatent Nummer 36423. Gefahren wurde der Reitwagen erstmals von Paul Daimler, dem damals 17-jährigen Sohn Gottlieb Daimlers. Die kurze Testfahrt führte von Cannstatt ins benachbarte Untertürkheim und wieder zurück. Als Datum nennen die meisten deutschen Quellen den 10. November 1885, während die englischsprachige Fachliteratur den 18. November 1885 angibt – ein Beispiel dafür, wie schwierig Datierungen bei so alten Ereignissen sind. Auch zur genauen Streckenlänge kursieren Angaben zwischen etwa 3 und 12 Kilometern.

Für die Frage „Wann gab es das erste Motorrad?“ gilt also: Als Fahrzeug mit Verbrennungsmotor existierte es seit dem Spätsommer/Herbst 1885. Zählt man dampfbetriebene Zweiräder mit, reicht die Geschichte sogar bis in die 1860er-Jahre zurück (siehe unten).

Warum der Reitwagen als erstes Motorrad gilt – und die Stützrad-Debatte

Der Reitwagen gilt als erstes Motorrad, weil er das erste Zweirad mit Verbrennungsmotor war – auch wenn er streng genommen vier Bodenkontaktpunkte hatte. Denn neben den beiden großen Haupträdern besaß er zwei kleine seitliche Stützräder, die das Umkippen verhindern sollten. Eine echte Balance wie ein modernes Motorrad hielt der Reitwagen nicht.

Genau darüber wird bis heute gern diskutiert: Ist ein Fahrzeug mit Stützrädern überhaupt ein „richtiges“ Motorrad? Die Antwort der Technikhistoriker ist pragmatisch. Die Stützräder waren eine reine Balance-Hilfe an einem Versuchsfahrzeug, dessen Zweck der Motor war – nicht das perfekte Zweirad. Entscheidend für den Titel „erstes Motorrad“ ist die Kombination aus Zweiradprinzip und Verbrennungsmotor, und die gab es hier zum ersten Mal. Deshalb hat sich der Reitwagen in praktisch allen seriösen Quellen als Ausgangspunkt der Motorradgeschichte durchgesetzt.

Ein trauriges Detail am Rande: Das Original existiert nicht mehr. Der erste Reitwagen verbrannte 1903 bei einem Werksbrand in Cannstatt. Was man heute im Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart oder im Deutschen Museum in München sieht, sind originalgetreue Nachbauten.

Die Dampf-Vorläufer: Roper und Michaux-Perreaux (1867–1871)

Schon rund 15 Jahre vor dem Reitwagen gab es motorisierte Zweiräder – allerdings mit Dampfantrieb. Sie sind der Grund, warum manche Quellen behaupten, das Motorrad sei nicht in Deutschland, sondern in den USA oder Frankreich erfunden worden. Diese Vorläufer waren echte Fahrzeuge, aber eben keine Motorräder im heutigen Sinn.

Zwei Konstruktionen gelten als die frühesten motorisierten Zweiräder:

  • Michaux-Perreaux-Dampfvelociped (Frankreich, ca. 1867–1871): Der Ingenieur Louis-Guillaume Perreaux baute in ein Veloziped der Firma Michaux eine kleine Dampfmaschine ein. Sein Patent stammt von 1868.
  • Roper-Dampfvelociped (USA, ca. 1867–1869): Sylvester H. Roper aus der Gegend von Boston konstruierte parallel ein dampfbetriebenes Zweirad. Die Datierung schwankt je nach Historiker zwischen 1867 und 1869.

Warum zählen diese Fahrzeuge trotzdem nicht als „das erste Motorrad“? Weil sie von einer Dampfmaschine angetrieben wurden – mit Kohle- oder Spiritusfeuer, Kessel und Wasserbehälter. Die gesamte spätere Entwicklung des Motorrads baut dagegen auf dem Verbrennungsmotor auf, den Daimler und Maybach salonfähig machten. Deshalb unterscheidet man sauber: Roper und Perreaux bauten die ersten motorisierten Zweiräder, Daimler und Maybach das erste Motorrad mit Verbrennungsmotor.

Das erste Serienmotorrad: Hildebrand & Wolfmüller (1894)

Das erste in Serie gebaute und kommerziell verkaufte Motorrad war die Hildebrand & Wolfmüller ab 1894 – und ihr verdankt das Motorrad sogar seinen Namen. Der Reitwagen war ein Einzelstück; die Münchner Firma Hildebrand & Wolfmüller baute dagegen erstmals ein Motorrad, das man wirklich kaufen konnte.

Die Brüder Heinrich und Wilhelm Hildebrand konstruierten zusammen mit Alois Wolfmüller ein Fahrzeug mit einem wassergekühlten Zweizylinder-Viertaktmotor von rund 1.489 cm³ Hubraum. Es leistete etwa 2,5 PS und erreichte gut 45 km/h – für die damalige Zeit rasant. Das Patent stammt vom 20. Januar 1894. Für ihr Produkt prägten die Erfinder den deutschen Begriff „Motorrad“ (englisch motorcycle), der sich anschließend weltweit durchsetzte. Vorher sprach man eher von „Motorfahrrad“.

Ein durchschlagender wirtschaftlicher Erfolg wurde die Maschine nicht: Die Angaben zur Stückzahl schwanken stark zwischen etwa 800 und 2.000 Exemplaren. Technische Schwächen – vor allem die unzuverlässige Glührohrzündung – und der hohe Preis führten dazu, dass die Firma schon nach wenigen Jahren aufgab. Als erstes Serienmotorrad der Geschichte hat die Hildebrand & Wolfmüller ihren Platz aber sicher.

Von 1885 bis heute: die frühen Motorradhersteller

Nach 1885 dauerte es rund 15 Jahre, bis eine ganze Industrie entstand – ab etwa 1900 gründeten sich die Marken, die den Motorradbau prägten. Der Reitwagen war der Startschuss, die kommerzielle Massenfertigung setzte aber erst um die Jahrhundertwende ein, als zuverlässigere Zündungen und leichtere Motoren verfügbar waren.

Eine grobe Zeitleiste der frühen Motorradgeschichte:

Jahr Meilenstein
1817 Karl Drais erfindet die Laufmaschine (muskelbetriebener Ur-Vorläufer)
~1867–1869 Erste Dampf-Velocipede (Michaux-Perreaux, Roper)
1885 Daimler & Maybach bauen den Reitwagen – erstes Motorrad mit Verbrennungsmotor
1894 Hildebrand & Wolfmüller – erstes Serienmotorrad, Begriff „Motorrad“ entsteht
1898 Peugeot baut erste Motorräder (ältester noch existierender Hersteller)
1901 Indian (USA) und Royal Enfield (Großbritannien) starten
1902 Triumph baut sein erstes Motorrad
1903 Produktionsbeginn bei Harley-Davidson

Ab hier ging es schnell: Bessere Zündsysteme wie die Bosch-Magnetzündung (1901), gefederte Vorderräder und immer stärkere Motoren machten das Motorrad alltagstauglich. Von den etwa 12 km/h des Reitwagens bis zum schnellsten Motorrad der Welt mit über 600 km/h liegen rund 140 Jahre Entwicklung. Wer sich heute für ein eigenes Bike interessiert, findet in unserem Ratgeber welches Motorrad zu einem passt eine gute Orientierung.

Auto oder Motorrad – was war zuerst da?

Zuerst kam das Motorrad: Daimlers Reitwagen von 1885 war fertig, bevor sowohl seine eigene Motorkutsche als auch Carl Benz’ Patent-Motorwagen 1886 auf die Räder kamen. Damit ist das Motorrad – zumindest in der Form des Reitwagens – das erste Straßenfahrzeug mit Verbrennungsmotor überhaupt.

Interessant ist die Doppelrolle Gottlieb Daimlers: Er gilt nicht nur als Miterfinder des Motorrads, sondern auch als einer der Väter des Automobils. Seine Motorkutsche entstand 1886, im selben Jahr, in dem Carl Benz in Mannheim seinen berühmten dreirädrigen Patent-Motorwagen zum Patent anmeldete. Beide Konstrukteure arbeiteten unabhängig voneinander und legten gemeinsam den Grundstein der modernen Fahrzeugindustrie. Der Reitwagen war dabei zeitlich der Erste – auch wenn er als Versuchsträger für den Motor gedacht war und nie in Serie ging.

Häufige Fragen (FAQ)

Wer hat das Motorrad erfunden? Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach. Sie bauten 1885 in Cannstatt den Reitwagen, das erste Zweirad mit Benzin-Verbrennungsmotor, und meldeten es am 29. August 1885 zum Patent an.

Wann wurde das erste Motorrad gebaut? Im Jahr 1885. Die erste Fahrt des Reitwagens fand im November 1885 statt (nach den meisten deutschen Quellen am 10. November). Dampfbetriebene Zweiräder gab es bereits ab etwa 1867–1869.

Wie schnell und wie stark war das erste Motorrad? Der Reitwagen erreichte rund 11 bis 12 km/h und leistete etwa 0,5 PS aus einem 264 cm³ großen Einzylinder-Viertaktmotor.

Was war das erste Serienmotorrad der Welt? Die Hildebrand & Wolfmüller aus München, ab 1894. Sie war das erste in Serie gebaute, käufliche Motorrad und gab dem Motorrad seinen Namen.

War das Motorrad vor dem Auto da? Ja. Daimlers Reitwagen von 1885 entstand vor seiner eigenen Motorkutsche und vor Carl Benz’ Patent-Motorwagen von 1886.

Wo steht der originale Reitwagen heute? Nirgends – das Original verbrannte 1903 bei einem Werksbrand. Zu sehen sind heute originalgetreue Nachbauten, unter anderem im Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart.

Fazit

Die Frage „Wer hat das Motorrad erfunden?“ hat eine klare Hauptantwort und zwei wichtige Fußnoten. Erfunden haben das Motorrad Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach mit ihrem Reitwagen von 1885 – dem ersten Zweirad mit Verbrennungsmotor. Wer die dampfbetriebenen Vorläufer von Roper und Michaux-Perreaux (ab etwa 1867) mitzählt, verschiebt den Beginn weiter zurück; wer das erste kaufbare Motorrad meint, landet bei der Hildebrand & Wolfmüller von 1894, die dem Motorrad seinen Namen gab. Alle drei Meilensteine gehören zusammen – aber der Reitwagen bleibt der Moment, in dem das Motorrad, wie wir es kennen, begann.